Die gesetzliche Erbfolge - böse Überraschung im Erbfall

Beitrag vom 22.12.2020 von Rechtsanwältin Nina Lenz-Brendel

Jeder hat die Möglichkeit, seine Erben selbst zu bestimmen. Nicht jeder macht allerdings von dieser Möglichkeit Gebrauch. Wer seine Gedanken an die eigene Nachfolge verdrängt, überlässt die Regelung der Erbfolge dem Zufall.  Denn immer dann, wenn im Erbfall keine Regelung, also weder Testament noch Erbvertrag, vorhanden sind, tritt die gesetzliche Erbfolge ein. Das kann unerwünschte Folgen haben.


Viele Eheleute gehen irrtümlich davon aus, dass sie sich gegenseitig als Alleinerben beerben. Tatsächlich ist der Ehegatte bei Eintritt der gesetzlichen Erbfolge aber nur in seltenen Fällen zum Alleinerben berufen.


Fehlt ein Testament im Erbfall, findet sich der länger lebende Ehegatte nach dem Tod seines Gatten nicht selten in einer Erbengemeinschaft mit den Verwandten seines verstorbenen Gatten wieder. Das kann problematisch werden, denn eine Erbengemeinschaft ist kraft Gesetzes lediglich eine Gemeinschaft auf Zeit. Sie ist auf Auseinandersetzung gerichtet. Das bedeutet, dass jeder der Miterben zu jeder Zeit die Teilung des Nachlasses verlangen kann. Bis zur Teilung des Nachlasses verwalten die Miterben den Nachlass gemeinschaftlich. Für viele Entscheidungen ist Einstimmigkeit der Erben erforderlich. Erbengemeinschaften sind daher von Natur aus streitanfällig. Können die Erben keine Einigung über die Teilung des Nachlasses erzielen, muss der gesamte Nachlass versilbert werden, damit er entsprechend der Erbquoten unter den Erben verteilt werden kann. Das kann unter Umständen sogar dazu führen, dass das von den Eheleuten zu Lebzeiten gemeinsam bewohnte Familienheim zum Zwecke der Erbauseinandersetzung gegen den Willen des länger lebenden Ehegatten versteigert wird.


Ähnliche Probleme treten bei Patchwork- Familien auf, wenn sich die Vermögensnachfolge auf Basis der gesetzlichen Erbfolgeregelungen vollzieht. Hat der Erstversterbende Kinder aus einer früheren Beziehung, sind diese neben den länger lebenden Ehegatten zur Erbfolge berufen. Das ist häufig genau das Gegenteil von dem, was sich die Eheleute vorgestellt hatten.

 

Wer kommt als gesetzlicher Erben in Betracht?

Die gesetzliche Erbfolge unterscheidet zwischen dem Verwandtenerbrecht und dem Ehegattenerbrecht. Zu gesetzlichen Erben sind daher in aller Regel die Angehörigen des Erblassers und sein Ehegatte berufen. Sind keine gesetzlichen Erben vorhanden, dann erbt der Staat.

Gibt es eine Rangfolge unter den Verwandten?

Nach dem im deutschen Recht geltenden Parentelsystem werden Verwandte und Angehörige in verschiedene Ordnungen eingeteilt:


Erben der ersten Ordnung sind die Abkömmlinge des Erblassers, also seine Kinder, Enkelkinder, Urenkelkinder usw. Erben der zweiten Ordnung sind die Eltern des Erblassers und deren Abkömmlinge. Erben der dritten Ordnung sind die Großeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge. Erben der vierten Ordnung sind die Urgroßeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge. Erben der fünften Ordnung und der ferneren Ordnungen sind die entfernteren Voreltern des Erblassers und deren Abkömmlinge.


Ein Verwandter einer vorhergehenden Ordnung schließt die Verwandten einer entfernteren Ordnung von der Erbfolge aus. Hinterlässt der Erblasser also ein Kind oder ein Enkelkind, sind seine Eltern und Geschwister von der Erbfolge ausgeschlossen. Auch innerhalb einer Ordnung gilt, dass der nähere Verwandte seine Abkömmlinge von der Erbfolge ausschließt.

Wie erbt der Ehegatte bei Eintritt der gesetzlichen Erbfolge?

Der Ehegatte ist kein Verwandter des Erblassers. Der Gesetzgeber hat ihm daher ein Sondererbrecht zugewiesen. Die Höhe seiner Erbquote hängt von zwei Faktoren ab, nämlich einerseits davon, in welchem Güterstand er mit dem Erblasser verheiratet war und andererseits davon, neben welchen Verwandten des Erblassers er zur Erbfolge gelangt.


Das Gesetz unterscheidet drei Güterstände, den Güterstand der Zugewinngemeinschaft, den Güterstand der Gütertrennung und den Güterstand der Gütergemeinschaft. Alle Ehegatten, die ohne Ehevertrag miteinander verheiratet sind, leben im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft. Eheleute können den Güterstand wechseln und für ihre Ehe beispielsweise den Güterstand der Gütertrennung vereinbaren.  Der Güterstandwechsel erfolgt durch Vereinbarung eines notariell zu beurkundenden Ehevertrages.


Im Güterstand der Zugewinngemeinschaft erbt der überlebende Ehegatte neben Erben erster Ordnung ½, neben Eltern und Großeltern zu ¾ und neben entfernteren Verwandten allein.


Im Güterstand der Gütertrennung erbt der Ehegatten neben Abkömmlingen des Erblassers mindestens ¼, aber nie weniger als ein Kind. Im Güterstand der Gütergemeinschaft erbt der Ehegatten neben Abkömmlingen des Erblassers stets ¼.


Neben Eltern und Großeltern des Erblassers erbt der Ehegatte in beiden Güterständen zu ½. Gelangt er neben entfernteren Verwandten des Erblassers zur Erbfolge, so erbt der Ehegatte allein.
Die gesetzliche Erbfolge ist der Lösungsvorschlag des Gesetzgebers für die Rechtsnachfolge im Erbfall. Das sollte jeder bei der Planung der eigenen Vermögensnachfolge bedenken und überlegen, ob er es tatsächlich bei der gesetzlichen Erbfolge belassen möchte oder seine Erben nicht lieber selbst in einem Testament bestimmen möchte.


Gerne unterstützen wir Sie mit unserer Expertise bei allen Fragen der Testamentserrichtung. Zögern Sie nicht mit uns Kontakt aufzunehmen.

 

 

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