Die weitreichenden Folgen der AvP-Insolvenz

Vielen Apotheken drohen stürmische Zeiten

 

Beitrag vom 01.11.2020 von Rechtsanwalt Oliver Peters und Rechtsanwalt Patric Naumann

 

Vorläufiges Insolvenzverfahren der AvP Deutschland GmbH

Am 16. September wurde auf Antrag der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) das vorläufige Insolvenzverfahren über das Vermögen der AvP Deutschland GmbH angeordnet. Für viele Apotheken war dies sicherlich ein Schock. AvP betreibt ein privates Rechenzentrum für die bundesweite Rezeptabrechnung insbesondere für öffentliche Apotheken, Krankenhaus-Apotheken und Sanitätshäuser. Mit über 3.000 Kunden und einem Abrechnungsvolumen von angeblich über 7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr zählt bzw. zählte das Unternehmen zu den größten Abrechnungsdienstleistern in Deutschland. Nach Branchenangaben wurden bundesweit allein im Jahr 2019 insgesamt fast 500 Millionen Rezepte mit einem Volumen von fast 50 Milliarden Euro abgerechnet; die Abrechnungen erfolgten dabei nahezu ausschließlich über Rechenzentren. Das Rechenzentrum ist für die Apotheken wichtiger Bestandteil zur Abrechnung von Rezepten gegenüber den Krankenkassen und damit Grundlage für die Finanzausstattung.
Die Hintergründe der Insolvenz der AvP Deutschland GmbH und weiterer Unternehmen der Gruppe sind en détail noch nicht öffentlich bekannt. Mit einer Eröffnung des Insolvenzverfahrens ist am 1. November zu rechnen.

Geltendmachung von Forderungen

Aktuellen Meldungen zufolge sollen Betroffene offene Forderungen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages gegen die AvP haben. Für zahlreiche Apotheken bewegen sich die Zahlungsausfälle im Bereich eines Jahresgewinns. Das Geld der AvP fehlt den betroffenen Apotheken nicht nur für Gehälter, Sozialabgaben oder Mieten, sondern auch für die Bezahlung von Arzneimittellieferanten. Berichten zufolge gibt es bereits Großhändler, die angeblich nicht mehr alle Apotheken oder zumindest nur noch gegen Vorkasse beliefern.


Für Betroffene geht es nun darum, eigene Forderungen möglichst rasch und effektiv geltend zu machen. Möglicherweise bestehen sog. insolvenzrechtliche Aussonderungsrechte gegen den Insolvenzverwalter aufgrund von eingerichteten Treuhandkonten - falls die Zahlungen der Krankenkassen an das Rechenzentrum auf Treuhandkonten verwahrt wurden - oder falls nur bedingte Forderungsabtretungen erfolgten. Die Rechts- und Sachlage ist aber komplex und alles andere als einheitlich und vor allem auch davon abhängig, wie die individuelle Vertragsbeziehung zwischen der jeweiligen Apotheke und der AvP ausgestaltet war, namentlich insbesondere, welche von AvP verwendeten Standardverträge zu welchem Zeitpunkt Gegenstand der Vertragsbeziehung geworden sind. Die Abrechnungsgelder liegen derzeit eingefroren auf den AvP-Konten. Verfahrensbedingt ist mit kurzfristigen Zahlungen aus der Insolvenzmasse durch den vorläufigen Insolvenzverwalter der AvP Deutschland GmbH, Dr. Jan-Philipp Hoos aus Düsseldorf, kaum zu rechnen.

Stürmische Zeiten

Medienberichten zufolge haben betroffene Apotheken zur Sicherung ihrer Geschäftstätigkeit bereits Überbrückungskredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Höhe von 58 Millionen Euro erhalten. Vielen Apotheken drohen dennoch stürmische Zeiten. Wird es Betroffenen nicht gelingen, Forderungen gegen AvP kurzfristig zu realisieren, dürften die Existenz zahlreicher Apotheken bedroht sein. Schätzungen zufolge könnten bundesweit rund 3 Prozent der Apotheken, über 500 Apotheken, von der AvP-Insolvenz existenzgefährdend betroffen sein. In naher Zukunft wird es nicht nur darum gehen, Ansprüche gegen die AvP bzw. den Insolvenzverwalter oder die ehemaligen Geschäftsführer zu prüfen und geltend zu machen. Auch die Möglichkeit einer Inanspruchnahme staatlicher Förderungen wird beobachtet werden müssen. Im Fokus werden auch Gespräche der Apotheken mit Banken und sonstigen potentiellen Kreditgebern über Darlehen oder gar mit Lieferanten über Stundungen oder Vorleistungen stehen. Möglicherweise wird auch die Hilfe von Sanierungs- und Restrukturierungsexperten in Anspruch genommen werden müssen.

 

Gerne unterstützen wir Sie bei Fragen zum Thema Insolvenzrecht mit unserer Expertise. Zögern Sie nicht mit uns Kontakt aufzunehmen.

 

 


 

 

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